Halten oder loslassen? Warum Kinder beides brauchen
Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Du möchtest dein Kind so gut wie möglich begleiten. Du möchtest ihm Sicherheit geben, seine Bedürfnisse ernst nehmen. Es in seinen Gefühlen unterstützen und gleichzeitig dafür sorgen, dass es selbstständig und selbstbewusst wird. Du möchtest Grenzen setzen und gleichzeitig nicht zu streng sein. Du möchtest Halt geben, ohne zu klammern. Du möchtest dein Kind fördern, ohne es zu überfordern.
Und vielleicht hast du dabei manchmal das Gefühl, gar nicht mehr zu wissen, wo oben und unten ist.
Noch nie war das Wissen darüber, was Kinder brauchen, so leicht zugänglich wie heute. Wir lesen Bücher, hören Podcasts, folgen vermeintlichen Expert*innen auf Social Media, tauschen uns mit anderen Eltern aus und bekommen Ratschläge aus ganz unterschiedlichen Richtungen. Bedürfnisorientiert sollen wir sein, bindungsorientiert, geduldig, empathisch und emotional verfügbar. Wir sollen Grenzen setzen und gleichzeitig die Autonomie unseres Kindes achten. Wir sollen Frustration begleiten und gleichzeitig darauf achten, dass unser Kind nicht überfordert wird. Wir sollen immer präsent sein und gleichzeitig unsere eigenen Emotionen hintenanstellen.
Wir wollen es gut machen. Wir wollen unsere Kinder nicht mit dem belasten, was wir vielleicht selbst erlebt haben. Wir wollen das, was uns bedrückt, von ihnen fernhalten. Wir wollen ihnen Sicherheit geben, ihre Bedürfnisse ernst nehmen und ihnen eine gute Grundlage für ihr Leben mitgeben.
Und genau aus diesem Wunsch heraus kann ein enormer Druck entstehen.
Darf ich meinem Kind das jetzt wirklich verbieten? Bin ich zu streng? Muss ich dieses Bedürfnis erfüllen? Darf mein Kind frustriert sein? Sollte ich es selbst machen lassen oder braucht es meine Unterstützung? Bin ich gerade zu wenig für mein Kind da oder nehme ich ihm vielleicht schon zu viel ab?
Je mehr Informationen wir bekommen, desto leichter kann es passieren, dass wir unsere eigene Wahrnehmung aus dem Blick verlieren. Wir wissen sehr viel darüber, was Kinder angeblich brauchen und wissen manchmal wenig darüber, was unser eigenes Kind in diesem einen Moment gerade tatsächlich braucht.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, einen Schritt zurückzutreten und tief durchzuatmen.
Denn Kinder brauchen nicht nur Erwachsene, die ihre Bedürfnisse wahrnehmen und ihre Gefühle ernst nehmen. Sie brauchen auch Erwachsene, die Verantwortung übernehmen. Die einen Rahmen geben. Die Entscheidungen treffen, wenn ein Kind sie noch nicht selbst treffen kann. Die Orientierung geben und Grenzen setzen.
Ein Nein bedeutet nicht, dass wir nicht liebevoll oder bedürfnisorientiert begleiten.
Und ein Kind in seiner Autonomie zu unterstützen, bedeutet nicht, dass es alles selbst entscheiden muss.
Vielleicht ist genau das eine der Stellen, an denen heute manchmal etwas durcheinandergerät: Wir möchten unsere Kinder nicht übergehen und beginnen deshalb, uns selbst immer weiter zurückzunehmen. Wir möchten ihre Gefühle begleiten und versuchen, möglichst jede Frustration zu verhindern. Wir möchten ihnen Selbstbestimmung ermöglichen und überlassen ihnen dabei vielleicht Entscheidungen, für die sie entwicklungsbedingt noch gar nicht die Verantwortung tragen können.
Dabei brauchen Kinder Orientierung und das bedeutet manchmal ganz schlicht: Eine erwachsene Person übernimmt die Führung.
Ein Kind kann sehr genau wissen, dass es gerade keine Lust auf das Zähneputzen hat. Es darf wütend darüber sein. Es darf protestieren. Es darf uns zeigen, wie doof es diese Entscheidung findet.
Und trotzdem muss es nicht entscheiden, ob heute Zähne geputzt werden.
Das ist unsere Aufgabe.
Nicht, weil seine Gefühle weniger wichtig wären. Und auch nicht, weil wir seine Bedürfnisse ignorieren. Sondern weil Kinder darauf angewiesen sind, dass Erwachsene Verantwortung übernehmen und einen verlässlichen Rahmen schaffen.
Vielleicht ist das eine wichtige Ergänzung zu all dem, was wir über Bedürfnisorientierung wissen: Ein Bedürfnis ernst zu nehmen bedeutet nicht, jeden Wunsch zu erfüllen.
Wir können verstehen, dass ein Kind gerade keine Lust auf das Anziehen hat und trotzdem darauf bestehen, dass es sich anzieht. Wir können die Enttäuschung über ein Nein begleiten, ohne die Enttäuschung sofort auflösen zu müssen. Wir können die Wut unseres Kindes aushalten, ohne die Grenze aufzugeben.
Wir können sagen: „Ich sehe, dass du das gerade nicht möchtest. Ich sehe auch, dass dich das richtig wütend macht. Du darfst wütend sein. Ich bleibe bei meiner Entscheidung.“
Damit sagen wir nicht: „Deine Gefühle interessieren mich nicht.“
Wir sagen vielmehr: „Deine Gefühle dürfen da sein. Und du musst mit ihnen nicht alleine sein. Gleichzeitig übernehme ich als Erwachsene*r die Verantwortung für diese Entscheidung.“
Auch das ist Sicherheit.
Am Anfang halten wir sehr viel
Ein Baby kann noch nicht für sich selbst sorgen. Es braucht uns. Wir müssen seine Bedürfnisse wahrnehmen, es beruhigen, schützen und ihm Sicherheit geben. Wir tragen es, füttern es, trösten es, entscheiden für es. Nähe und Abhängigkeit sind am Anfang keine Probleme, die es zu überwinden gilt. Sie sind die Grundlage dafür, dass Entwicklung überhaupt möglich wird.
Wir halten das Kind. Wir halten seine Bedürfnisse mit aus. Wir helfen ihm bei der Regulation seines Nervensystems. Wir schützen es vor Dingen, die es noch nicht einschätzen kann. Wir übernehmen Verantwortung, weil es selbst noch nicht dazu in der Lage ist.
Und irgendwann kommt der nächste Schritt.
Das Kind möchte selbst essen. Selbst laufen. Selbst entscheiden. Es möchte die Treppe alleine hochgehen, obwohl wir wissen, dass es viel schneller ginge, wenn wir es tragen. Es möchte die Jacke selbst anziehen, obwohl wir längst sehen, dass es sie wahrscheinlich falsch herum tragen wird. Es möchte ausprobieren, scheitern, wütend werden und es noch einmal versuchen.
Aus der sicheren Bindung heraus entsteht zunehmend der Wunsch nach Autonomie.
Diese Entwicklung geschieht nicht irgendwann plötzlich und die beiden Bereiche lösen sich auch nicht sauber voneinander ab. Kinder brauchen weiterhin Bindung, während sie selbstständiger werden. Sie brauchen weiterhin Nähe, auch wenn sie immer mehr selbst können.
Wir sind der sichere Hafen, von dem aus ein Kind seine Welt erkundet. Es kann hinausgehen, Erfahrungen machen, ausprobieren und immer wieder zurückkehren. Es darf wissen: Hier bin ich sicher. Hier kann ich durchatmen und loslassen. Hier bekomme ich Halt, wenn etwas schwierig wird.
Und gerade in Zeiten von Stress, Krankheit, Veränderung oder Überforderung kann der Wunsch nach diesem sicheren Hafen temporär wieder größer werden.
Autonomie bedeutet deshalb nicht, dass ein Kind uns weniger braucht.
Es verändert sich vielmehr, wie es uns braucht.
Vielleicht liegt genau darin eine der schwierigsten Aufgaben des Elternseins: zu spüren, wann unser Kind unsere Nähe und Unterstützung braucht und wann es unsere Zurückhaltung braucht.
Denn natürlich möchten wir unsere Kinder schützen.
Wir möchten ihnen Frustration ersparen. Wir möchten verhindern, dass sie scheitern, sich weh tun oder enttäuscht werden. Wir möchten ihnen helfen, wenn etwas schwierig ist.
Und manchmal greifen wir vielleicht auch deshalb ein, weil es für uns schwer auszuhalten ist, unser Kind kämpfen oder scheitern zu sehen.
Dann ziehen wir die Schuhe an, obwohl das Kind es selbst versuchen wollte. Wir lösen den Streit, bevor das Kind überhaupt eine eigene Lösung finden konnte. Wir erinnern an die Hausaufgaben, organisieren, planen, greifen ein und räumen Hindernisse aus dem Weg.
Nicht, weil wir unserem Kind nichts zutrauen, sondern oft gerade weil wir möchten, dass es ihm gut geht.
Und manchmal auch, weil wir selbst so viele Informationen darüber aufgenommen haben, was wir alles beachten sollten, dass wir das Gefühl bekommen, jede Schwierigkeit unseres Kindes verhindern zu müssen.
Dabei gehört es zur Entwicklung, dass Kinder Dinge selbst ausprobieren.
Sie müssen erleben, dass nicht alles sofort gelingt. Sie dürfen erfahren, dass sie etwas noch nicht können und es später vielleicht können werden. Sie brauchen die Möglichkeit, eigene Lösungen zu finden, Fehler zu machen, Frustration zu erleben und auszuhalten und irgendwann festzustellen: Ich habe es geschafft.
Diese Erfahrung können wir ihnen nicht abnehmen.
Kinder brauchen nicht weniger Halt, wenn sie selbstständiger werden
Vielleicht klingt „Loslassen“ zunächst so, als müssten wir Kinder einfach machen lassen. Darum geht es nicht.
Loslassen bedeutet nicht, ein Kind mit seinen Schwierigkeiten alleine zu lassen. Es bedeutet auch nicht, dass wir uns zurückziehen und darauf warten, dass es irgendwie selbst zurechtkommt.
Ein Kind braucht einen sicheren Ausgangspunkt, von dem aus es die Welt erkunden kann. Es braucht die Erfahrung: Da ist jemand. Wenn es schwierig wird, kann ich zurückkommen. Dann sind wir der bereits erwähnte sichere Hafen, zu dem das Kind jederzeit zurückkehren kann.
Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Loslassen und Alleinlassen.
Wir können daneben stehen und es ermutigen, während unser Kind etwas selbst versucht:
„Probier es selbst. Ich bin hier.“ Oder „Du schaffst das. Ich glaube an dich.“
Wir können eine kleine Hilfestellung geben: „Möchtest du, dass ich dir zeige, wie es gehen könnte?“
Und manchmal können wir einfach warten. Auch wenn es länger dauert. Auch wenn wir selbst es viel schneller könnten. Auch wenn wir sehen, dass das Kind gerade mit etwas kämpft.
Denn Kinder brauchen nicht nur Schutz vor Überforderung. Sie brauchen auch Herausforderungen, an denen sie wachsen können.
Natürlich gilt auch hier: Ein Kind braucht keine Überforderung, um selbstständig zu werden. Es braucht Aufgaben und Erfahrungen, die zu seinem Entwicklungsstand passen. Es braucht Erwachsene, die wahrnehmen können, wann etwas noch nicht geht und wann ein Kind bereit ist, einen nächsten Schritt selbst zu machen.
Die Herausforderung liegt also nicht darin, immer festzuhalten oder immer loszulassen.
Die Herausforderung liegt darin, unterscheiden zu lernen.
Was braucht mein Kind gerade? Schutz? Unterstützung? Eine Grenze? Die Erfahrung, etwas selbst bewältigen zu können?
Wenn wir Kindern zu viel abnehmen
Wenn wir Kindern ständig Schwierigkeiten aus dem Weg räumen, kann das zunächst sehr liebevoll aussehen.
Wir wollen ihnen Stress ersparen. Wir wollen, dass es ihnen gut geht. Wir wollen Konflikte verhindern und Tränen vermeiden.
Und gleichzeitig brauchen Kinder die Erfahrung, dass sie etwas selbst bewirken können.
Selbstwirksamkeit entsteht nicht dadurch, dass wir einem Kind immer wieder zeigen, wie etwas funktioniert. Sie entsteht dadurch, dass das Kind selbst erlebt: Ich kann etwas tun. Ich kann etwas ausprobieren. Ich kann Einfluss nehmen. Ich kann scheitern und einen neuen Versuch machen.
Das bedeutet nicht, dass wir Kinder einfach alleine lassen. Im Gegenteil.
Ein Kind kann sich viel eher auf eine Herausforderung einlassen, wenn es weiß, dass jemand da ist, wenn es wirklich Unterstützung braucht.
Vielleicht ist das ein schönes Bild für Entwicklung: Wir tragen am Anfang sehr viel für unsere Kinder und mit der Zeit können sie immer mehr selbst übernehmen.
Wir müssen nicht jeden Stein aus dem Weg räumen. Wir müssen nicht jede Schwierigkeit lösen. Wir müssen nicht jede Frustration verhindern.
Manchmal besteht unsere Aufgabe vielmehr darin, da zu sein und auszuhalten, dass unser Kind gerade etwas Schwieriges erlebt.
Und genau das kann für uns selbst eine Herausforderung sein.
Was passiert eigentlich in uns, wenn unser Kind leidet?
Nicht nur unsere Kinder haben ein Nervensystem. Wir auch.
Wenn unser Kind weint, wütend wird, enttäuscht ist oder sich etwas nicht zutraut, passiert auch in uns etwas. Wir spüren vielleicht Anspannung, Hilflosigkeit oder Sorge. Vielleicht wird es uns unangenehm, wenn unser Kind laut wird. Vielleicht möchten wir, dass es möglichst schnell wieder ruhig ist.
Und manchmal merken wir gar nicht, wie sehr wir selbst gerade versuchen, ein unangenehmes Gefühl loszuwerden.
Wir beruhigen unser Kind, weil wir seine Traurigkeit kaum aushalten.
Wir geben nach, weil wir seine Wut nicht ertragen.
Wir lösen den Konflikt, weil wir die Spannung im Raum nicht aushalten.
Wir nehmen ihm etwas ab, weil wir nicht mit ansehen möchten, wie es scheitert.
Wir sagen schnell Ja, obwohl wir eigentlich Nein meinen, weil wir die Reaktion auf unser Nein fürchten.
Dann handeln wir.
Nicht unbedingt, weil unser Kind gerade wirklich unser Handeln braucht. Vielleicht brauchen wir selbst gerade vor allem, dass das unangenehme Gefühl aufhört. Das ist menschlich.
Und genau deshalb lohnt sich oft ein kurzer Moment des Innehaltens:
Was passiert gerade eigentlich in mir?
Muss ich wirklich eingreifen oder halte ich es gerade einfach schwer aus, dass mein Kind etwas Schwieriges erlebt?
Braucht mein Kind meine Hilfe oder brauche ich selbst gerade die schnelle Lösung?
Diese Fragen sind keine Aufforderung zur Selbstkritik. Sie sind eine Einladung zur Wahrnehmung und Reflexion.
Denn auch Eltern müssen Gefühle nicht sofort wegmachen.
Wir dürfen erleben, dass ein Kind wütend ist. Wir dürfen aushalten, dass es enttäuscht ist. Wir dürfen traurig sein, wenn ein Kind traurig ist. Wir dürfen unsicher sein. Wir dürfen merken, dass uns etwas gerade an unsere Grenzen bringt. Und wir dürfen lernen, mit diesen Gefühlen da zu sein, ohne sofort handeln zu müssen.
Vielleicht ist genau das ein Teil dessen, was wir unseren Kindern vorleben können: Gefühle müssen nicht verschwinden, damit es uns wieder gut geht.
Sie dürfen da sein.
Und gleichzeitig können wir Entscheidungen treffen.
Bedürfnisorientierung bedeutet nicht Bedürfnisvermeidung
Vielleicht wird an dieser Stelle noch einmal deutlich, warum das Thema Bedürfnisorientierung manchmal so verunsichern kann.
Wenn wir die Bedürfnisse unseres Kindes ernst nehmen, heißt das nicht, dass wir dafür sorgen müssen, dass diese Bedürfnisse immer sofort erfüllt werden.
Wenn unser Kind Nähe braucht, können wir Nähe geben. Wenn es hungrig ist, können wir ihm etwas zu essen geben. Wenn es Schutz braucht, schützen wir es. Und wenn es wütend ist, müssen wir diese Wut nicht beseitigen. Wenn es enttäuscht ist, müssen wir die Enttäuschung nicht verhindern. Wenn es etwas nicht möchte, müssen wir nicht automatisch nachgeben.
Wir können Gefühle begleiten, ohne sie wegmachen zu wollen.
Wir können Bedürfnisse wahrnehmen, ohne jeden Wunsch zu erfüllen.
Wir können Grenzen setzen und gleichzeitig in Beziehung bleiben.
Vielleicht ist genau das die Entlastung, die viele Eltern heute brauchen: Wir müssen die Gefühle unserer Kinder nicht verhindern, um sie gut zu begleiten.
Wir müssen ihnen nicht jede Schwierigkeit abnehmen, damit sie sich sicher fühlen.
Und es hilft auch nicht, ihnen jede Entscheidung zu überlassen, damit sie sich selbstwirksam entwickeln können.
Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen etwas zutrauen und die Verantwortung übernehmen, wenn sie selbst noch nicht dazu in der Lage sind.
Vielleicht dürfen wir unserer eigenen Wahrnehmung wieder mehr vertrauen
Bei all den Informationen, die heute auf Eltern einströmen, ist es leicht, die eigene Wahrnehmung zu übertönen. Wir lesen, vergleichen, hinterfragen und versuchen, möglichst alles richtig zu machen. Dabei kann es entlastend sein, wieder genauer hinzuspüren und die eigene Wahrnehmung mit einzubeziehen.
Und gleichzeitig ist Intuition nicht automatisch ein verlässlicher Kompass.
Was sich für uns selbstverständlich oder richtig anfühlt, ist auch geprägt von dem, was wir selbst erlebt haben. Unsere eigene Kindheit, unsere Beziehungserfahrungen und die Art, wie mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen umgegangen wurde, wirken darauf ein, was wir heute als normal, angemessen oder notwendig empfinden.
Manchmal reagieren wir deshalb nicht aus dem heraus, was unser Kind gerade braucht, sondern aus einem alten Muster.
Vielleicht haben wir gelernt, dass Kinder funktionieren müssen und Widerspruch nicht geduldet wird. Vielleicht fällt es uns schwer, Grenzen zu setzen, weil wir selbst sehr harte Grenzen erlebt haben. Vielleicht halten wir es kaum aus, wenn unser Kind weint oder wütend ist, weil wir selbst gelernt haben, unangenehme Gefühle möglichst schnell wegzumachen.
Dann kann sich unsere spontane Reaktion sehr vertraut anfühlen und trotzdem nicht hilfreich sein.
Deshalb geht es nicht darum, der eigenen Intuition einfach blind zu vertrauen. Es geht vielmehr darum, die eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen und gleichzeitig neugierig auf sie zu bleiben.
Was passiert gerade in mir?
Warum möchte ich gerade so dringend eingreifen?
Was löst das Verhalten meines Kindes in mir aus?
Reagiere ich auf das, was mein Kind gerade wirklich braucht, oder auf etwas, das mir selbst vertraut ist?
Und natürlich dürfen auch Wissen und fachliche Orientierung dabei eine Rolle spielen.
Vielleicht ist eine gute Form von Intuition deshalb weniger dieses unmittelbare „Ich weiß einfach, was richtig ist“, sondern vielmehr die Fähigkeit, wahrzunehmen, innezuhalten und verschiedene Informationen miteinander in Beziehung zu setzen.
Wie alt ist mein Kind? Was kann es bereits? Was ist gerade wirklich los? Ist es überfordert oder ist es frustriert? Braucht es meine Hilfe oder braucht es Ermutigung? Braucht es Nähe oder braucht es gerade etwas Raum?
Und was davon gehört eigentlich zu meinem Kind und was davon macht gerade mein eigenes Nervensystem mit mir?
Wir müssen nicht jede Entscheidung anhand von zehn Erziehungsratgebern überprüfen. Und wir müssen auch nicht jede spontane Reaktion für die richtige halten.
Vielleicht dürfen wir lernen, beides miteinander zu verbinden: unser Wissen und unsere Erfahrung, unsere Wahrnehmung und unsere Reflexion.
Manchmal dürfen wir unserer Wahrnehmung vertrauen. Manchmal lohnt es sich, sie genauer zu hinterfragen. Manchmal dürfen wir uns Unterstützung holen, wenn wir merken, dass wir alleine gerade nicht weiterkommen.
Auch das gehört zu guter Begleitung.
Halten und loslassen gehören zusammen
Vielleicht brauchen wir deshalb gar nicht die eine richtige Antwort auf die Frage, wie viel Nähe, Unterstützung, Freiheit oder Grenze ein Kind braucht.
Vielleicht brauchen wir vielmehr die Bereitschaft, immer wieder hinzuschauen.
Ein kleines Kind braucht zunächst sehr viel von uns. Wir tragen, trösten, schützen, entscheiden und regulieren mit. Mit zunehmender Entwicklung verändert sich das. Unser Kind kann immer mehr selbst übernehmen und wir dürfen ihm immer mehr zutrauen.
Das bedeutet nicht, dass wir irgendwann einfach loslassen und fertig sind.
Es ist vielmehr ein ständiges Nachjustieren.
Heute braucht mein Kind vielleicht meine Hand. Morgen möchte es die Treppe alleine gehen.
Heute braucht es meine Unterstützung bei einem Konflikt. Morgen findet es vielleicht schon selbst eine Lösung.
Und an einem anderen Tag ist es wieder ganz anders.
Halten und loslassen sind deshalb keine Gegensätze.
Wir halten den Rahmen. Wir halten die Beziehung. Wir halten Grenzen, wenn unser Kind sie noch nicht selbst halten kann.
Und innerhalb dieses sicheren Rahmens darf unser Kind zunehmend selbst ausprobieren, entscheiden, scheitern, lernen und wachsen.
Vielleicht ist gute Begleitung deshalb weniger eine Frage des richtigen Maßes an Nähe oder Distanz.
Vielleicht geht es vielmehr darum, mit dem Kind mitzuwachsen.
Zu spüren, wann es unsere Nähe und wann es unsere Zuversicht braucht.
Zu erkennen, wann wir schützen müssen und wann wir etwas zutrauen können.
Und immer wieder auch wahrzunehmen, was gerade in uns selbst passiert.
Denn manchmal braucht unser Kind unsere Hand. Manchmal braucht es eine klare Grenze. Manchmal braucht es unsere Unterstützung. Und manchmal braucht es vor allem die Erfahrung, dass wir ihm zutrauen, etwas selbst zu schaffen.
Vielleicht reicht dann ein Satz:
„Ich bin hier. Versuch es selbst.“
Und vielleicht ist genau das der Kern von Halten und Loslassen:
Wir geben unseren Kindern einen sicheren Ort, von dem aus sie die Welt entdecken können.
Wir sind da, wenn sie zurückkommen.
Und wir trauen ihnen immer wieder ein kleines Stück mehr zu, weil sie zunehmend erfahren dürfen: Ich kann das selbst.
Und wenn es einmal nicht geht, darf ich zurückkommen.
Da ist jemand. Da ist Halt. Da ist Beziehung.


